Universität Bielefeld/Fakultät für Pädagogik
Claus-Henning Ammann, 7. Sem. DSE 21.05.1997

Seminar: Multimedia SS 97
Norbert Meder/Sven Horsmann

Beleg-Nr. 25 10 91 H.3.6


Multimedia als Herausforderung für die Bildung

oder
Lesen und Schreiben in der Informationsgesellschaft

Über zwei mediale Schlüsselprodukte berichten unsere Zeitschriften und Zeitungen permanent: Vernetzung und Multimedia. Was ist das Problem, wenn Regelungen für die weltweite Vernetzung gesucht werden, es um den freien Markt und die freie Kommunikation geht? Der vorliegende Text basiert auf dem Artikel von Norbert Meder zum Thema "Multimedia als Herausforderung für die Bildung", meinem Referat am 21.05.97 darüber sowie der anschließenden Diskussion.

1 Der Daten-Highway

Meder stellt die These auf, dass Kommunikationsneuerungen wie der Daten-Highway unsere Gesellschaft von Grund auf verändern werden. "Alles wird sich in diesem Netzwerk erledigen lassen. Darüber hinaus wird man "gezwungen" sein, über diesen Kanal zu erledigen, was man erledigen muß (Meder 1995, S. 17). Allerdings werden sich sicher Schlupflöcher finden lassen, um dies zu vermeiden, oder man wird andere (gegen besondere Bezahlung) mit dieser Aufgabe betrauen, wie Vergleiche mit anderen in der heutigen Zeit in vollem Umfang eingeführten Techniken zeigen (z.B. Auto- und Geldverkehr).

Es handelt sich um eine universelle Kommunikationstechnik, für deren Bewältigung gleiche Chancen geschaffen werden müssen, um nicht bestimmte Schichten der Gesellschaft von der gängigen Kommunikation auszuschließen. Hier ergibt sich schon ein erster Grund für die Einmischung des Bildungssystems. Um mit Piaget zu sprechen, werden gesellschaftliche Vorgänge von der Ebene der konkreten auf die der formalen Operationen gehoben. Bislang konkrete Techniken müssen in inneren Bildern und Denkvollzügen nachgebildet werden, hier liegt die bildungspolitische Aufgabe und eine Chance, die allgemeine Intelligenz auf ein neues Niveau zu heben. Zu vergleichen ist dies mit der Schrift und der Einführung des Buchdrucks.

2 Informationsflut und Hypertext

Aber was ist das tieferliegende Problem, wenn unterschwellig von der Informationsgesellschaft als Nachfolgerin der Industriegesellschaft gesprochen wird?

Die Industriegesellschaft hat soviel Komplexität produziert, dass diese nur mit dem Computer zu verarbeiten ist. Insofern ist dieser eine notwendige Erfindung. Statt Komplexität können wir auch Problem sagen. Die bessere alltägliche Versorgung hat Probleme geschaffen, wie z.B. Umweltzerstörung, Zerstörung der inneren Sicherheit und der globalen Orientierung. Die Probleme und die Komplexität zeigen sich auf der Ebene des Wissens als Unüberschaubarkeit und die Verstrickung in Widersprüchlichkeiten.

Ein Beispiel für die Überfülle an Information, am Beispiel der Konstruktionsunterlagen für einen PKW dargestellt: Plan, grafisches Design, Listen, Analysen und einiges mehr gehören dazu, die Dokumentenbasis ist unüberschaubar. Die Lösung für dieses Problem ist Multimedia. Medial unterschiedliche Dokumente werden als Verweis in einem Hypertext abgelegt, der Zusammenhang ist die Gesamtidee des PKW.

Hypertext ist also ein Meta-Medium der Komposition medial unterschiedlicher "Informationsfetzen" (Meder 1995, S. 18). Lediglich nicht zusammenhängende Textdokumente sollten ursprünglich durch Hypertext verbunden werden. Die Technik stellt eine Weiterentwicklung der schon bei Lexika bekannten Verweise dar. Es ist das Modell des semantischen Netzes.

3 Hypertext als Text

Meder beschreibt Hypertext als Netz mit "Kanten und Knoten" (Meder 1995, S. 18). Die Knoten werden von den Basistexten selbst, von Bedeutungsinhalten in den Basistexten oder von den Überschriften der Basistexte (Verschlagwortung) gebildet. Die beiden letzteren werden auch als Anker bezeichnet. Die Verweise von einem zum anderen Text bilden gleichsam die Kanten. Statt "Kanten" wird heute allerdings der Begriff Link (engl.: Bindeglied) verwendet, diesem Sprachgebrauch schließe ich mich im folgenden an. Der die Links und Knoten beschreibende Text ist der Hypertext. Es kann übergegangen werden von Text zu Bildern, zu Filmen mit wiederum erläuterndem Text. In Erweiterung der Möglichkeiten eines Lexikons können die Verweise klassifiziert sein, d.h. er kann vom Teil zu einem nächst höheren ganzen verweisen, oder eine Verallgemeinerung (Generalisierung) darstellen, oder auf einen Akteur bzw. die Handlung oder auf ein Beispiel bzw. Gegenbeispiel verweisen. Diese Klassifizierung lässt sich nahezu beliebig erweitern. Man kann sich mit Hilfe von Verweisen in einem Dokumenten-Wust besser zurechtfinden, das ist die eigentliche Funktion von Hypertexten. In dieser Phase der Entwicklung werden die Hypertexte dabei selbst allzu leicht zu hochkomplexen Gebilden, in denen man sich verlieren kann. Das bewusste Navigieren ist daher gefragt.

4 Bildungsprobleme von Hypertexten

Sich in den Hypertexten der weltweiten Netze bzw. CD-Roms bewegen zu können, ist die große Bildungsaufgabe der Zukunft. Von der Allgemeinbildung hängt es ab, ob man sich durch die mit Hypertexten strukturierten Dokumente bewegen kann. Demokratische Strukturen benötigen Allgemeinbildung und Öffentlichkeit gegenüber der Herrschaft über die Information und der Macht über die Wege im Hypertext.

Derjenige, der in einem Medium nicht kompetent ist, ist gesellschaftlich von seinen jeweiligen Funktionen ausgeschlossen:

  1. Medien sind Ausdrucksmittel für unsere innere und unsere äußere Welt.
  2. Medien speichern den Gehalt der Mitteilung einer Kommunikation. Medien tun dies unterschiedlich: In einem Buch ist beispielsweise eine Information besser aufgehoben als in einem Zeitungsartikel, und dort wiederum besser als in einem Telefonat. Dauerhaftigkeit, Geschwindigkeit des Zugriffs und soziale Zugänglichkeit sind die drei wichtigsten Kriterien für die Dokumentation.
  3. Die Mitteilungen in den Medien drücken den eigentlichen kommunikativen Aspekt aus. "Über Mitteilungen prozessualisieren wir Gesprächsinhalte im sozialen Raum" (Meder 1995, S.20).

Die bildungspolitische Aufgabe kann nur sein, die Heranwachsenden mit den Zwillingsmedien Daten-Highway und Hypertexten zu beschäftigen. Nur so kann mit einem gewissen Sozialisationseffekt gerechnet werden, der dem Eingeübten die Möglichkeit zur Reflexion ermöglicht, die für Textverstehen im allgemeinen und hier im besonderen notwendig ist.

5 Die Bildungschancen im Hypertext-Projekt

Die Hypertext-Chance ist es, ein multimediales Verweisungsnetz für Wissensfragmente wie Zeitungsartikel, Lehrfilme, Grafiken, Modelle, Bilder, Tondokumente, Lernaufgaben, Animationen, Comics und ähnliches sein. Die Knoten als Stellvertreter für die Dokumentenstücke können typisiert oder klassifiziert sein, nach ihren medialen Eigenschaften oder ihrer didaktischen Funktion. Ebenso können die Links typisiert werden, dabei spielen zwei Dimensionen eine wichtige Rolle: die sachlogische (Deduktion/Induktion, Exemplifikation, Analogie, Teil-Ganzes, Problemlösung usw.) und die mediale Dimension (Übergang von Text zu Bild, von Video zu Sound usw.).

Die medialen Übergänge bilden ein Spiel der Verweise und Übergänge. Sie lassen sich strategisch-didaktisch für die Wissensorganisation verwenden. Hierfür Strategien und Regeln zu finden, ist die Vision von Hypertext.

Die fertiggestellten Strukturen könnten eine Simulation ermöglichen. Kognitives Operieren könnte simuliert werden, um sich zu testen, ob man die Struktur eines Sachverhaltes durchschaut hat. Die Techniken der Computersimulation sind sozusagen Beschleuniger unseres exakten Wissens.

Durch die Anwendung und durch den eigenen Aufbau von Hypertexten werden wir dazu gebracht, bewusster und expliziter mit den sachlogischen und medialen Strukturen unseres Wissens umzugehen. Der gebildete Mensch des 21. Jahrhunderts wird weniger an den vordergründigen Inhalten unseres Wissens kleben, als nach den Strukturen ihrer Darstellung fragen. Durch Variation kann die bestmögliche Darstellungsform gefunden werden.

6 Hypertext und Multimedia - die mediale Repräsentation des Wissens

Heutige Computertechnologie erlaubt es, Multimedia aus visuellen und akustischen Medien zusammenzusetzen. Aus der Sicht des Hypertextes sind dies Typisierungen von Knoten. Die Links erlauben nun mediale Übergänge, die unter dem Gesichtspunkt der Dramaturgie genutzt bzw. gestaltet werden können. Multimedia verknüpft nicht nur die Informationen, sondern ist selbst ein Medium, ein Meta-Medium, in dem verschiedene Sprachen zusammenfließen. Die neuen Regeln für ihre Gestaltung müssen medienübergreifend gefunden werden. Die Bildungschance liegt in der Kenntnis der Grammatik der einzelnen Medien sowie der Grammatik von Multimedia.

7 Einige Reflexionen zur Grammatik von Medien

Medien sind Sprachen wie unsere Wortsprachen. Ihre Grammatik, erklärt am Beispiel der geschriebenen Sprache, basiert auf folgendem: Text transponiert akustische in visuelle Zeichen, Lautgestalten in Wörter und Satzmelodien in die Grammatik und Satzzeichen von Sätzen. Dieses ist ein komplexer Codierungsvorgang. Im Gegensatz dazu ist das Medium Sound sehr viel unmittelbarer, ähnlich wie das Bild. Der Sound dringt ein, trifft unsere Emotionalität, während das Bild hingegen eher distanziert. Im Verlauf entsteht eine sinnlich-motorische Bewegung, der Tanz. Demgegenüber präsentiert das Standbild viele Informationen auf einmal, es erlaubt, komplexe Strukturen zu analysieren. Die Bildfolge verbindet die Charakteristik des Standbildes mit der des Bewegt-Bildes, wodurch ein Bewegungsablauf in seiner strukturellen Gliederung besonders gut dargestellt werden kann. Der Betrachter muss die Leerstelle selbst ausfüllen, dadurch wird eine höhere kognitive Distanz als etwa beim Video geschaffen. Das gestoppte Video schafft eine Irritation, die den Ablauf selbst zum Thema werden lässt. Dadurch wird der Weg in die Reflexion gebahnt.

8 Schlaglichter auf das Programm einer Grammatik von Multimedia

Medien nach den Grundlagen der Rezeptionsästhetik, nach den Regeln unserer Sinne, zu gestalten, ist ein komplexes Unterfangen. Relativ einfach ist es jedoch, einzelne Medien zu einem multimedialen Produkt zu verknüpfen. Dabei kommt es auf die Übergänge und die parallele Synchronisation an. Welcher Strategie die Übergänge folgen sollen, ist noch offen. Die Systematik und das Rezipientenverhalten müssen hierzu untersucht werden. Das Bildungswesen kann jetzt schon die Chance ergreifen, Multimedia-Kompetenz zu vermitteln, indem es die Produktion von Multimedia in ihr Programm aufnimmt. Derjenige, der schreiben kann, kann auch lesen, hier liegt die eigentliche Chance.

Quelle:

  • Meder, N.: Multimedia als Herausforderung für die Bildung oder Lesen und Schreiben in der Informationsgesellschaft, in: av-Information Interaktives Fernsehen, Hg.: Institut für Medienpädagogik und Kommunikation/Landesfilmdienst Hessen e.V. 1/1995, S. 17-23

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